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Auszug aus der Biographie von P. W.

Einsatz in Afrika, Gefangenschaft und Flucht

Nun war ich in Italien eher notdürftig ausgebildet worden und es ging nach Afrika. Am 15.10.1941 legte ich mit der „Virgilio“ von Neapel ab. Ich war voller Spannung, endlich bewegte sich etwas. Bei ruhiger See hatten wir eine traumhafte Überfahrt und am Vormittag des 18. Oktober legte das Schiff in Tripolis an.
Tripolis war eine ruhige und friedliche Stadt unter italienischer Hoheit. Mit meinem Italienisch konnte ich auch hier ganz gut weiterkommen, außerdem zeigten meine Bemühungen um das Arabische die ersten Früchte. Ich war zum ersten Mal in meinem Leben auf afrikanischem Boden. Und ich freute mich darüber.
Ich hielt den Krieg für notwendig, aber wenn ich heute darüber nachdenke, weiß ich nicht mehr, warum eigentlich – man hat diesem Hitler doch vieles einfach so geglaubt, auch wenn er ein primitiver Kerl war. Aber ich kann mich nicht erinnern, daß ich inneren Widerstand gegen die Nazis verspürte. Wenn ich ehrlich bin, war es mir egal. Für mich bedeutete der Krieg in erster Linie Abwechslung und Abenteuer, viel zu lang war ich in Deutschland gehockt. Ich war fast 35 Jahre alt und hatte eine ganz ordentlich laufende Zahnarztpraxis. Aber ich sehnte mich nach Reisen und fernen Ländern. In der Wehrmacht machten sie mich zum Major, ließen mich meine Arbeit tun und ansonsten im Großen und Ganzen in Ruhe.
In Tripolis gab es hin und wieder Bombenalarm, aber niemand war wirklich beunruhigt. Die Bomben schlugen – wenn überhaupt – nur in den Randbezirken der Stadt ein. Hier in Nordafrika hatte der Krieg für mich nichts Bedrohliches. Lediglich manche Geschichten von schrecklichen Schlachten machten die Runde. Aber als Akademiker war ich ja an diesen Schlachten nicht beteiligt.
Ich tat meinen Dienst und genoß die fremde und schöne Stadt. Nach etwa einem Monat in Tripolis wurde ich nach Biserta, Tunis abkommandiert und ich verließ Tripolis, das ich liebgewonnen hatte, am 20.11.1941, einen Tag vor meinem fünfunddreißigsten Geburtstag.
Im Kübelwagen ging es nach Überschreitung der tunesischen Grenze über Medenine, Gabes, Sfax, Sousse und Frankeville nach Tunis. Außer mir waren noch zwei Offiziere und der italienische Fahrer im Wagen.
Die Kolonne bestand aus mehreren LKWs und zwei Kübelwagen. Die Fahrt verlief in acht Etappen und einigermaßen ruhig. Manchmal wollten die Italiener nicht mehr weiterfahren, sie hatten Angst vor Luftangriffen. In Tunis angekommen wurden wir von den Italienern dort begeistert empfangen, die Franzosen hingegen waren verständlicherweise sehr unfreundlich. Insgesamt waren nun in Tunis etwa 200 deutsche Soldaten, davon nur ganz wenige, die mit mir aus Tripolis gekommen waren. Die anderen waren alle direkt über das Meer von Italien eingetroffen. Wir wurden im Hotel Capitole untergebracht, auf der Fahrt durch Tunis warfen wir haufenweise Bonbons unter die Kinder.
In Tunis machte ich mich mit dem sehr freundlichen Ortskommandanten auf die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten für Praxis und Wohnung. Tunis und La Grulette wurden bombardiert, aber ich habe keine Schäden gesehen. Wir fanden in der Rue Carnot eine geeignete Wohnung, die dann auch sofort beschlagnahmt und mir übergeben wurde. Nach der Einrichtung mit ordentlichen Instrumenten begann ich meine Tätigkeit als Zahnarzt. In erster Linie behandelte ich natürlich deutsche und italienische Soldaten. Manchmal auch Araber. Es war offiziell verboten, aber niemand hatte etwas dagegen, und dem Kommandanten war es auch recht, denn das sorgte für ein gutes Verhältnis zu den Leuten.
Wann immer ich frei hatte, trieb ich mich nun mit den Arabern herum, um mein Arabisch zu verbessern. Ich machte sehr gute Erfahrungen mit diesen Leuten, sie schätzten die Deutschen sehr und einen deutschen Arzt noch mehr, auch wenn es nur ein Zahnarzt war. Ich wurde oft eingeladen, aber kam natürlich nicht allen Einladungen nach. Mit dem Besitzer eines Teppichgeschäfts unweit meiner Praxis verband mich allerdings so etwas wie Freundschaft. Er war ein wohlhabender Mann und bewohnte ein sehr schönes und geräumiges Haus in der Altstadt mit einem Innenhof und Mosaikboden. Bei ihm war ich einige Male zum Essen und es gab Tajin und Couscous. Allerdings war er mir kein guter Arabischlehrer, denn er sprach lieber Französisch, wie die meisten Tunesier der Oberschicht. An seinen Namen kann ich mich nicht mehr erinnern.
Am 7.5.1943 machte ich mich auf nach Karthago und Sidi Bou Said. Ich war schon mehrmals dort gewesen, aber ich war wie verzaubert von den Farben in Sidi Bou Said, die schon Macke und Klee so fasziniert hatten. Ich hatte vor dem Krieg viel gemalt und wollte nach meiner Rückkehr die Farben auf Leinwand bringen, die ich damals gesehen hatte. Auf der Rückfahrt nach Tunis verlor der Fahrer die Kontrolle über den Wagen und wir landeten – gottlob mit nur wenigen Blessuren – im Straßengraben. Dann sortierten wir unsere Knochen und untersuchten, ob der Wagen noch weiterfahren könnte. Ich weiß bis heute nicht, woher sie kamen, aber plötzlich standen die Franzosen vor uns und hielten uns die Gewehre vors Gesicht. Ich protestierte laut in Französisch und Deutsch, aber das interessierte die vier wenig. Wir mußten unsere Pistolen übergeben und sie trieben uns unter Bewachung in einen Mannschaftswagen. Wann immer ich daran denke, ärgere ich mich schwarz, denn ich hatte ein verflucht schönes Leben in Tunis.
Damit war es erst einmal vorbei. Die erste Station als Gefangener war das Lazarett, in denen die paar Schrammen behandelt wurden, die ich mir beim Unfall zugezogen hatte, unter anderem ein gebrochener Finger. Nachdem sich die Aufregung ein wenig gelegt hatte, stellten sich Schmerzen ein, vor allem mein Kopf und mein Rückgrat taten arg weh, auch der Finger machte mir zu schaffen. Den Fahrer, den sie mit mir gefangengenommen hatten, verlor ich aus den Augen, er war Italiener und einfacher Soldat, an ihm waren sie kaum interessiert. Ein französischer Offizier zerstörte vor meinen Augen eigenhändig meine Pistole. Das machte ihm sichtliches Vergnügen und er sagte „Le temps c’est changé“. Ich konnte damals seinen Haß auf mich nicht verstehen, ich hatte ihm schließlich nichts getan. Erst nach dem Krieg mußte ich erfahren, welche Greueltaten deutsche Soldaten in Frankreich angerichtet hatten.
Zwei Tage später wurde ich aus dem Lazarett abtransportiert und es ging auf die gefürchtete „Rennbahn“ der Engländer. Dort mußte ich mit weiteren Gefangenen vollständig nackt und mit erhobenen Armen an einigen Offizieren vorbeimarschieren. So versuchten sie, Leute der Waffen SS zu erkennen, die ja eine Tätowierung hatten. Insofern hatte ich nichts zu befürchten. Ich beschwerte mich bei einem Offizier, aber der wollte nichts wissen.
Dann wurde es ungemütlich. Das Lager der Briten war verwahrlost und Unterkünfte und Essen miserabel. Einen Unterschied zwischen der Behandlung einfacher Soldaten und der Offiziere konnte ich nicht erkennen. Jetzt stand ich da mit meinem Französisch und Italienisch und Arabisch. Mein Englisch war lausig. Viele Wochen vergingen nun in Untätigkeit, mehrfach versuchte ich, mich nützlich zu machen, aber niemand war an meinen Offerten interessiert. Es ging langsam auf den Winter zu und die Nächte wurden bitterkalt. Schließlich passierte doch etwas und wir wurden auf offenen LKWs nach Bizerte transportiert.
In Bizerte wurden wir auf amerikanische Schiffe verladen. Die Zustände im Lagerraum waren schrecklich. Zusammengepfercht mit vielen anderen. Das schlimmste daran war die Ungewißheit. Niemand wußte, was sie mit uns vorhatten. Wo würden sie uns hinbringen, wie würden sie uns behandeln? Die Nachrichten waren besorgniserregend. Die Briten waren daran interessiert, uns nur deprimierende Meldungen vom Kriegsgeschehen wissen zu lassen. So war das damals, erst bekamen wir von den eigenen Leuten nur gute Nachrichten, dann vom Feind nur schlechte.
Schließlich kamen wir nach elender Schiffsfahrt mit ziemlicher Seekrankheit in Bou Marsah an. Dort war ein großes englisches Lager, es herrschten furchtbare Zustände. Nachts froren wir, tagsüber brüteten wir in der Sonne. Wasser mußten wir aus Benzinkanistern trinken. Nirgendwo war Schatten. Jede Nacht gab es Zählmanöver, sie machten uns fertig, mein Gott, wie die uns haßten. Dann waren wieder deutsche Flugzeuge über dem Lager und wir hatten Angst, Opfer der eigenen Bomben zu werden. Manchmal legten wir unsere Tropenkisten auf den Bauch, damit sie uns erkennen sollten. Einmal in der Woche wurden wir zum Meer geführt und durften darin baden. Langsam entstand in mir der Plan, bei der ersten sich bietenden Möglichkeit zu fliehen.
Endlich bewegte sich wieder etwas. Wir wurden mit LKWs zum Bahnhof Constantine gebracht. Obwohl ich Gefangener war und das Hocken auf dem LKW alles andere als angenehm war, genoß ich die Fahrt durch das wunderschöne Land. In Constantine angekommen wurden wir in Viehwagen verladen. Irgend jemand sagte, es geht nach Oran, von dort weiter nach Amerika. Nun war ich sicher, ich mußte weg! Oberarzt Leo Schmitt und ich schmiedeten Pläne. Bei der erstbesten Gelegenheit wollten wir fliehen.
Oran war weit und der Zug stand mehr, als daß er fuhr. Ich hatte jede Orientierung verloren, Zeit und Raum waren ein einziger Brei für mich. Ich war froh über Leo, der war ein guter Kamerad und wir schauten uns immer wieder an. Laut über unsere Pläne zu sprechen trauten wir uns nicht, die Engländer haben gute Ohren, hieß es. Schließlich in der zweiten oder dritten Nacht ergab sich die Gelegenheit, der Zug stand wieder mitten in der Steinwüste. Es ging nicht weiter und die Engländer hatten wohl keine große Angst, daß irgend jemand das Weite suchen würde. Leo und ich schlüpften einfach auf ein gemeinsames Zeichen hin aus der Tür und das wars. Wir waren draußen. Aber wir hatten nichts dabei, die Proviantsäcke hatten die Soldaten gesammelt und im ersten Wagen eingeschlossen. Ich nehme an, um jeden Gedanken an Flucht bei uns zu zerstreuen. Wer flieht schon mitten in der Wüste und ohne Proviant. Wir versteckten uns in einer nahegelegenen Kanalröhre und konnten unser Glück kaum fassen. Niemandem war unsere Flucht aufgefallen. Als der Zug wieder losfuhr und sich langsam entfernte, umarmten wir uns. Dann rauchten wir erst einmal eine Zigarette, die erste Zigarette in der wiedergewonnenen Freiheit.
Nun waren wir nicht mehr gefangen, aber das war auch schon alles. Wir trugen windige Sandalen und hatten weder Essen oder Wasser, noch warme Kleidung oder Decken. Wir würden angewiesen sein auf Hilfe. Aber wer würde uns helfen? Wir wußten nicht einmal wo wir waren. Zunächst mußten wir weg von der Bahnlinie. An der Bahnlinie waren französische Posten eingerichtet und wir hatten keine Lust, ein zweites Mal den Franzosen in die Hände zu fallen. Ich konnte mich schlecht orientieren, aber Leo sagte, dort ist Norden, dort müssen wir hin. Erst jetzt erkannte ich, daß ich eigentlich keine Ahnung hatte, wohin wir gehen sollten. Wir gingen nach Norden, es ging bergauf, die Nacht war kalt, aber die Luft war frisch und der Himmel klar. Nach einigen Stunden Fußmarsch erreichten wir ein Hochplateau – hier oben war nichts und obwohl kein Mond am Himmel stand, war die Nacht so hell, daß man hätte lesen können. Wir waren entsetzlich müde. Leo meinte, wir sollten jetzt nicht zimperlich sein, also kuschelten wir uns aneinander und versuchten ein wenig zu schlafen. Wir würden nachts gehen und tags ruhen. Es war mir alles recht, Hauptsache, nicht mehr gefangen.
Den ganzen folgenden Tag verbrachten wir mehr oder weniger auf dem Plateau, wir wagten uns nicht weiter aus Angst vor Entdeckung. Wir lagen in der warmen Sonne, die uns nach der kalten Nacht ziemlich gut tat. Aber es gab kein Wasser hier oben und wir wurden immer durstiger. Gegen Abend beschlossen wir dann doch, ins Tal abzusteigen, wir mußten trinken und schließlich konnten wir auch nicht ewig hier bleiben. Wir wollten ja irgendwo ankommen, auch wenn wir nicht genau wußten, wo eigentlich. In dem Wadi standen alte Tamarisken, aber Wasser konnten wir keines finden. Es war noch hell, als wir zwei Araber auf Kamelen trafen. Sie waren bewaffnet, schienen sich aber nicht darum zu kümmern, ob wir Deutsche oder Franzosen oder Engländer waren. Jetzt machte sich mein Arabisch zum ersten Mal richtig bezahlt. Nach der förmlichen Begrüßung erklärte ich, wir seien auf der Flucht und hätten Hunger und Durst. Ein Araber, den man um Hilfe bittet, darf die Hilfe nicht abschlagen, das ist ein eisernes Gesetz der Wüste.
Die beiden gaben uns zu trinken und luden uns ein, sie zu begleiten, zu ihrem Haus war es nicht weit. Wir gingen neben den Kamelen her noch etwa einen Kilometer das Wadi entlang, dann sahen wir ein kleines Beduinenlager am Rand des Tals. Das Lager bestand aus vielleicht fünf oder sechs Zelten und es roch schon von weitem nach Feuer. Es gab im Lager keine große Aufregung, niemand war sonderlich verwundert und die Gastfreundschaft der Menschen war überwältigend. Mit der größten Selbstverständlichkeit lud man uns in ein Zelt und bot uns Essen und Trinken an. Sie boten uns auch an, bei ihnen zu schlafen. Aber Leo war ein wenig mißtrauisch und ich hatte auch keine große Lust, bei ihnen zu bleiben. Wir wollten weiter, es war gerade dunkel und wir waren ausgeruht. Also bat ich einen der beiden, uns auf den richtigen Weg zu bringen. Also packte er uns ein wenig Tee und viel Zucker ein und jedem eine Flasche Wasser und begleitete uns zu einem kleinen Steig, der wieder steil aus dem Wadi aufstieg. Wir marschierten die ganze Nacht, vorbei an einer französischen Farm, durch ein winziges Dorf mit einem Brunnen, wo wir Wasser tranken. Meine Sandalen gingen von der Kletterei auf den spitzen Steinen kaputt, meine Füße waren nun kaum geschützt. Völlig erschöpft erlebten wir den Tagesanbruch in einem Wadi. Wir hatten das Gefühl, sicher zu sein, waren die ganze Nacht niemandem begegnet. Ein wenig höher lag ein kleines Kiefernwäldchen, wo wir den ganzen Tag verbrachten und uns ausruhten. Ich versuchte, meine Sandalen wieder einigermaßen zu reparieren. Leo und ich verstanden uns gut.
Gegen Abend verließen wir dann wieder unseren Unterschlupf und begegneten prompt einem Schafhirten. Nachdem er mit uns Tee geteilt hatte, zeigte er uns den Weg. Später kamen wir dann an eine asphaltierte Straße, suchten aber die Fortsetzung des Pfades auf der anderen Seite vergeblich. Die Müdigkeit schlug immer wieder durch, aber wir mußten nachts ja gehen, nicht nur wegen der geringeren Gefahr, entdeckt zu werden, sondern vor allem auch wegen der Kälte. Kaum saßen wir ein paar Minuten, wurde uns bitterkalt. Also weiter!
So ging es Nacht für Nacht und Tag für Tag. Wir wurden immer müder, da wir wegen der Fliegen tagsüber nur sehr schlecht schliefen. Wir vermieden Kontakt mit Menschen, so gut es ging, aber manchmal überwogen Hunger oder Durst und wir riskierten, daß man uns nicht wohlgesonnen war. Im Großen und Ganzen trafen wir aber immer sehr freundliche Leute, sogar, als Leo einmal in einem Beduinenlager in das Frauenhaus stürmte, lachten die Menschen und hießen uns willkommen. Einen Tag lang hielten wir uns in einer zerfallenen Karawanserei auf, wo uns die Fliegen ordentlich piesackten. Dennoch schlief Leo tief und fest. Das Wasser, das wir aus dem Brunnen holten, schmeckte faulig, aber wir tranken es trotzdem. Wenn man Durst hat, ist man nicht sehr wählerisch. Bei Sonnenaufgang eröffnete sich ein grandioser Anblick auf eine große Hafenstadt, wahrscheinlich Algier. Ich sah den ganzen Hafen voller Schiffe. Ich wußte nicht, ob Algier für uns Rettung oder Untergang bedeuten würde, so lange hatte ich schon keine Nachrichten mehr gehört.
Wir konnten nicht lange schlafen und da die Angst vor Entdeckung immer kleiner wurde (ich nehme an, man gewöhnt sich einfach daran), entschlossen wir uns, auch tagsüber zu marschieren, und nur noch dann zu schlafen, wenn uns die Erschöpfung dazu zwang, egal, ob tags oder nachts. Länger als ein paar wenige Stunden am Stück schliefen wir ohnehin nie.
Nun waren wir der Wucht der Tagessonne ungeschützt ausgesetzt und hatten Angst, der Hitzschlag würde uns treffen. Aber Durst und Mangel an Schatten trieben uns weiter. Wir gingen nun meist durch ein breites Wadi, denn die Pfade über die Berge waren anstrengend und wir verloren den Weg immer wieder. Unsere Sandalen waren völlig zerstört und unsere Füße sahen dementsprechend aus. Von Zeit zu Zeit stießen wir auf der Suche nach Wasser in kleine Seitentäler vor, aber es war meist vergeblich. Schließlich hatten wir doch noch Glück und fanden eine kleine Quelle, die fast versiegt war. Das Wasser war recht salzig, aber wir tranken natürlich und es tat uns gut. Am Rand der Quelle stand ein Palmendickicht, das uns genügend Schatten für eine ausgiebige Rast bot. Es gelang uns sogar, mit Steinwürfen einige Datteln zu ergattern, aber sie waren noch nicht reif.
Wir erwachten durch Pferdegetrappel. Als wir uns aufsetzten, sahen wir einen jungen Araber daherkommen. Er schaute sehr neugierig drein und ich mißtraute ihm auf den ersten Blick. Er meinte, wir sollten vorsichtig sein und unsere Bärte rasieren. Dann stieg er von seinem Pferd ab und trank ein wenig Wasser, um sofort wieder in den Sattel zu springen und mit einem flüchtigen Gruß davonzureiten.
Wir machten uns wieder auf den Weg und kamen bald an Kakteen mit Carmisa Hindi, das sind diese stacheligen Früchte, die man auch Kaktusfeigen nennt. Unsere Gier war so groß, daß wir zugriffen und uns an Händen und Gesicht haufenweise Stacheln einfingen, die uns noch tagelang quälten. Wegen der ausgiebigen Mittagsruhe marschierten wir noch tief in die Nacht hinein, bis wir uns irgendwann wieder aneinander kuschelten und ein wenig schliefen.
Am nächsten Tag fühlten wir uns gut und wollten endlich wieder einmal sehen, in welche Richtung wir unterwegs waren. Denn wenn man einem Wadi folgt, kann man die Himmelsrichtung nicht halten. Also stiegen wir einen begehbar aussehenden Pfad steil nach oben. Der Pfad führte uns hoch ins Gebirge, da war kein Baum und kein Strauch und kein Wasser. Aber wir fanden eine kühle Höhle, in der wir fast den ganzen Tag verbrachten.
In der Ferne war eine Straße, doch konnten wir nicht erkennen, woher sie kam und wohin sie ging, also warteten wir bis abends. Es fuhr nicht ein Fahrzeug vorbei. Als es dunkel wurde, verließen wir unseren Unterschlupf und gingen später auf der Straße, wir fühlten uns relativ sicher und unseren Füßen tat das Gehen auf dem Asphalt sehr gut. Schließlich erreichten wir ein verlottertes Café am Straßenrand. Licht und Stimmen drangen zu uns heraus – hier waren Menschen, aber würden sie uns feindlich gegenüber treten? Wir schlichen uns näher heran, bis ich eindeutig erkennen konnte, daß es Araber waren, die sich dort lautstark unterhielten.
Also frech drauf los, was hatten wir schon zu verlieren. Wir betraten das Café, erklärten, wir seien deutsche Flüchtlinge und baten um Wasser. Die Leute waren laut und freundlich und gaben uns Tee und Fladenbrot. Als ich um Zigaretten bat, sprang sofort einer auf, so ein langer Lulatsch, und sagte, er wolle welche holen. Leo und ich fühlten uns pudelwohl und unsere Unsicherheit war der Müdigkeit gewichen, die sich in unseren Körpern in den letzten Tagen angestaut hatte. Schließlich kam der lange Kerl wieder und gab uns eine Schachtel Zigaretten und Streichhölzer. Als jeder von uns gerade seine Zigarette anzündete, tauchten plötzlich zwei Franzosen mit vorgehaltenen Pistolen auf und durchsuchten uns. Als sie merkten, daß wir Deutsche waren, wurden sie etwas freundlicher, sie hatten uns ursprünglich für Italiener gehalten. Der Lulatsch war verschwunden, hatte uns wahrscheinlich verraten für ein wenig Geld, nehme ich an.
Wir waren also wieder Gefangene der Franzosen, nach etwa sieben Tagen aufreibender Flucht. Sie brachten uns auf eine kleine Polizeistation, auf der uns einige Offiziere lange verhörten. Wir erklärten wahrheitsgemäß, wir wollten nach Spanisch-Marokko, worauf die Offiziere anfingen, dreckig zu lachen. Dann sagte einer: „Vous ne connaissez pas la géographie arabe!“ Es waren noch über 1200 Kilometer dorthin, in drei Wochen zu machen. Schließlich brachte man uns unter starker Bewachung auf einem LKW in ein kleines Dorf direkt in einen stinkenden Kerker. Am nächsten Morgen kam dann ein sehr anständiger französischer Offizier zu uns in die Zelle und schenkte uns Brot und Wein. Nachdem er uns durchsucht hatte, gab er uns alles wieder zurück, sogar unser Geld. Dann steckte er uns noch amerikanische Zigaretten zu.
Tja und dann geschah das Unvermeidliche: nach einigen Stunden kam ein englischer Wagen mit einem Offizier und zwei Landsern daher, der Offizier begrüßte uns sehr korrekt und bat uns, einzusteigen. Wie waren wieder Gefangene der Engländer. Nach einigen Stunden erreichten wir Boufarik. Dort im Lager fanden wir viele alte Bekannte wieder, lauter Offiziere, Deutsche und Italiener. Stabsarzt von Onken, mit dem ich in Tunis viel Zeit verbracht hatte, war auch da. Am Abend stiftete ich von dem Geld, das ich in meinen Ärmel eingenäht hatte, ein Faß Wein. Irgendwie war ich erleichtert, aber auch sehr enttäuscht, und ich konnte mir denken, daß ich nicht noch einmal so leicht wegkommen würde. Wir tranken alle viel, ich war schwer betrunken.
Meine Ängste sollten sich bestätigen, denn nach etwa zwei Wochen brachen wir in einem stark bewachten Konvoi auf nach Oran, von dort ging es ohne Umschweife nach Amerika.



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© Oile, 2004