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| Auszug aus der Biographie von K. M. über die Gefangenschaft in Großbritannien |
Gefangenschaft und neue Heimat
Wir hatten alle panische Angst und keinen genauen Plan, was wir tun sollten. Tagsüber versteckten wir uns in verlassenen Scheunen oder leerstehenden Gebäuden. Einige aus unserer Gruppe versuchten meist vergeblich etwas Eßbares zu organisieren. Nachts marschierten wir in größeren Trupps Richtung Westen. Wir vermieden es, Dörfern oder einzelnen Gehöften nahezukommen. Überall konnten die alliierten Truppen sein, denen wir auf keinen Fall über den Weg laufen wollten.
Die nächtlichen Gewaltmärsche durch Wälder und querfeldein durchs Gelände waren mühsam und raubten mir die letzten Kräfte. Einige meiner Kameraden waren ernsthaft erkrankt oder litten an ihren Verwundungen. Tief in meinem Inneren hoffte ich, daß bald alles vorbeisein würde. Seit Tagen hatte ich nichts Richtiges mehr gegessen und die Strapazen des nächtlichen Marschierens setzten mir mehr und mehr zu. Tagsüber war kaum an Schlaf zu denken. Ich sehnte mich nach Ruhe und das Bedürfnis, einfach irgendwo liegenzubleiben, wurde von Tag zu Tag größer.
Am Morgen des 2. September 1944 war schließlich alles vorbei. Gemeinsam mit fünfzehn Mann aus meiner Einheit waren wir die Nacht hindurch bei strömendem Regen und bereits empfindlich kalten Temperaturen marschiert. Als wir im Morgengrauen aus einem kleinen Wäldchen trotteten und uns nach einem trockenen Unterschlupf für den Tag umsahen, liefen wir direkt in einen Trupp amerikanischer Soldaten, die mit ihrem Jeep und zwei LKWs in einer kleinen Talsenke angehalten hatten.
Die Gefangennahme verlief völlig unspektakulär. Die Amerikaner schienen über das plötzliche Auftauchen unseres zerlumpten und abgekämpften Häufleins nicht sonderlich überrascht zu sein. Ich selbst war erleichtert, daß es nun vorüber war. Aber dennoch blieb die Angst vor einer mehr als ungewissen Zukunft.
Die Soldaten behandelten uns gut. Wir mußten uns neben einem der LKWs auf den nassen Boden hocken und warten. Einer aus unserer Gruppe sprach einige Brocken Englisch und dolmetschte. Zwar wurden zwei Amerikaner dazu abkommandiert auf uns aufzupassen, jedoch wurden wir nicht gefilzt oder nach Waffen durchsucht. Man sah uns wohl an, daß wir keinen Widerstand leisten würden und nur froh waren, daß alles so glimpflich ausgegangen war.
Am späten Vormittag tauchte ein amerikanischer LKW auf, um uns abzutransportieren. Wir wurden auf die Ladefläche des Trucks getrieben. Es war dunkel und feucht und wir hatten keine Möglichkeit, uns hinzusetzen. Zwei GIs hockten auf Holzkisten am Rand der Ladefläche, die automatischen Gewehre auf den Oberschenkeln, und bewachten uns. So ging es durch halb Frankreich nach Chartres, in ein von den Amerikanern eingerichtetes Auffanglager für deutsche Kriegsgefangene.
Die Fahrt war eine Tortur. Als wir endlich Chartres erreichten, wurde unsere Situation allerdings nicht besser. Das Lager war offensichtlich schnell aus dem Boden gestampft worden, ein weites Areal, provisorisch mit Stacheldraht gesichert und vorwiegend von schwarzen Amerikanern bewacht. Es gab weder eine vernünftige Versorgung noch sanitäre Einrichtungen. Wir waren 80.000 gefangene deutsche Soldaten, die unter primitivsten Verhältnissen zusammengepfercht wurden. Wir lebten unter freiem Himmel, nachts verkrochen wir uns in Erdlöchern, die wir selbst ausgehoben hatten. Nur Zeltplanen, die wir über die Erdlöcher zogen, schützten uns notdürftig vor Nässe und Kälte. Mein körperlicher Zustand verschlimmerte sich täglich. Hatte ich im Moment der Gefangennahme noch gehofft, daß ich jetzt wenigstens genug zu Essen und eine trockene Schlafstelle bekommen würde, wurden meine Hoffnungen bitter enttäuscht. Im ganzen Lager gab es nur eine einzige Wasserstelle, einen Ziehbrunnen vor einem halb verfallenen Gehöft, das die Amerikaner als behelfsmäßige Lagerkommandantur eingerichtet hatten. Ich stand täglich mehrere Stunden in einer Reihe mit verdreckten und deprimierten Gestalten, nur um einen viertel Liter Wasser und zehn Gramm Kommißbrot zu ergattern.
Die Wochen im Lager waren eine der schrecklichsten Zeiten meines Lebens. Hunger, Hoffnungslosigkeit und die Angst vor einer ungewissen Zukunft begleiteten mich täglich Schritt auf Schritt. Dabei war ich gerade erst zwanzig Jahre alt. Gott sei Dank war ich so jung, denn ich verfügte über natürliche Kraftreserven, die mich überleben ließen. Viele der älteren und geschwächten Kameraden überstanden die Zeit im Lager nicht. Täglich gab es viele Tote.
Das vier Wochen lange, unerträgliche Vegetieren im Auffanglager endete abrupt Anfang Oktober 1944. Eines Morgens wurden wir wieder auf amerikanische Trucks verladen und abtransportiert. Die Fahrt ging an die französische Kanalküste, in die Meeresbucht von Carentan. Schnell machte das Gerücht die Runde, daß man uns nach England verschiffen würde.
Und tatsächlich. In der Nacht vom 16. auf den 17. Oktober 1944 ging es auf mit über tausend Mann belegten Truppentransportschiffen über den Kanal. Die nächtliche Überfahrt verlief ruhig und um neun Uhr morgens betraten wir englischen Boden. Jetzt wurde mir zum ersten Mal wirklich bewußt, daß ich mich in britischer Kriegsgefangenschaft befand.
Noch am selben Tag wurden alle Kriegsgefangen auf LKWs verladen. Man brachte uns in ein Lager in der Nähe von London. Sofort nach unserer Ankunft wurden wir über die berüchtigte „Rennbahn“ geschleust: Nachdem man uns medizinisch untersucht hatte, mußten wir nackt und mit erhobenen Händen an einer Gruppe englischer Offiziere vorbeimarschieren. Die Offiziere sprachen fließend Deutsch und jeder von uns wurde eingehend befragt, registriert und nach seiner Waffengattung (Fallschirmjäger, Marine, Luftwaffe, Heer und Sondereinheiten wie Waffen-SS) wie auch nach seinem militärischen Rang sortiert.
Von London aus ging es einige Tage später wieder im LKW ins Gefangenenlager Nr. 175 nach Rugely in Mittelengland. Untergebracht in Wellblechbaracken zu je fünfzig Mann verbrachte ich dort den Jahreswechsel. Am 30. Januar 1945 wurde ich in das große Sammellager „Camp 19“ nach Schottland verlegt. „Camp 19“ lag an der Hauptverbindungsstraße zwischen Edinburgh und Glasgow und war ein Komplex aus mehreren Einzellagern, in denen sich insgesamt weit über 100.000 deutsche Kriegsgefangene befanden. Bewacht wurden wir von überwiegend älteren oder verwundeten englischen Soldaten, der sogenannten „Home-Guard“. In diesem Lager hörte ich das erste Mal vom Zusammenbruch der Fronten im Osten wie im Westen.
Ich blieb etwa ein halbes Jahr in „Camp 19“. Nach der Kapitulation Hitlerdeutschlands wurde ich am 24. August 1945 in das „POW Camp Nr. 128“ nach Chrishall bei Royston/Cambridge verlegt. Zugleich mit der Verlegung in das neue Camp verbesserten sich die Lebensumstände ein wenig.
Das Lagerleben war mein neuer Alltag geworden und ich versuchte, das Beste daraus zu machen. Schon sehr bald nach meiner Ankunft in Chrishall begann ich Englisch zu lernen, denn im Lager bestand die Möglichkeit, an Englischkursen teilzunehmen. Unter den deutschen Kriegsgefangenen waren fast alle Berufsgruppen vertreten, so daß es natürlich auch Englischlehrer gab. Ich erlernte die englische Sprache und konnte meine neu erworbenen Kenntnisse sehr gut bei der Landarbeit auf den Farmen einsetzen.
Im Lager Chrishall befanden sich etwa 120 Mann. In kleinen Gruppen von je fünfundzwanzig Mann wurden wir zur Arbeit auf den großen Farmen im Raum Cambridge herangezogen. Im Frühjahr mußten wir Zuckerrüben hacken, im Sommer bei der Ernte helfen. Im Herbst und Winter wurden wir auf die umliegenden Höfe und Güter gebracht und mußten aus den Fallgruben den Mist aufladen oder bei den Drescharbeiten helfen. Die Arbeit war hart, aber sie war mir im Großen und Ganzen aus meiner Jugend auf dem elterlichen Bauernhof vertraut.
Egal wo man uns zur Arbeit hinbrachte, immer mit dabei war ein Aufpasser. Mein persönlicher Bewacher hieß Wilson, ein sehr sympathischer Mann mittleren Alters, etwas untersetzt, mit dünnem blonden Haar und einem opulenten Schnauzbart. Offensichtlich war ich Mr. Wilson ebenfalls sympathisch. Denn er benahm sich mir gegenüber sehr anständig und es machte ihm sichtlich Spaß, meine neu erworbenen englischen Sprachkenntnisse auf die Probe zu stellen. Und ganz allmählich entwickelte sich zwischen Mr. Wilson und mir etwas, das man durchaus als Freundschaft bezeichnen konnte.
Ab 1946 durften wir das Lager tagsüber für einige Stunden verlassen. Zwar mußten wir die braune Häftlingsuniform tragen, die auf dem Rücken mit der Aufschrift „POW“ (= Prisoner of War) gekennzeichnet war, aber dennoch war dies eine enorme Verbesserung der Haftbedingungen. Und gerade für mich bedeutete diese Hafterleichterung ein riesengroßes Glück. Denn eines Tages lud Mr. Wilson mich zu sich nach Hause ein. Natürlich war ich mehr als unsicher, wie seine Familie einem jungen deutschen Kriegsgefangenen gegenübertreten würde. Immerhin gab es Gründe genug, mich mehr als nur abzulehnen. Aber das genaue Gegenteil trat ein. Mr. Wilsons Familie brachte mir eine Herzlichkeit entgegen, die ich nicht im Traum für möglich gehalten hatte. Ich wurde ohne Vorurteile akzeptiert und Mrs. Wilson nahm mich wie ihren einen eigenen Sohn in der Familie auf.
Die Wilsons wohnten nicht weit vom Lager entfernt. Es gelang mir, ein Fahrrad zu organisieren und von nun an radelte ich jedes Wochenende die wenigen Kilometer zur Familie Wilson. Ich hatte Familienanschluß gefunden! Auch mit den Kindern der Wilsons, den beiden siebzehnjährigen Zwillingen Miriam und Annie, verstand ich mich blendend. Endlich gab es nach all den furchtbaren Jahren für mich wieder ein klein wenig Wärme und Geborgenheit. Mrs. Wilson kümmerte sich rührend um mich. Sie machte mir sogar die Wäsche und versorgte mich mit Essen, das ich ins Lager mitnehmen konnte. Mrs. Wilson war so etwas wie eine Mutter, der ich so viel Gutes in jener schwierigen Zeit zu verdanken habe. Noch viele Jahre nach meiner Rückkehr nach Deutschland stand ich brieflich mit Familie Wilson in Verbindung. Anfang der 50er Jahre verstarb Mrs. Wilson und der Kontakt brach leider ab.
Aber nicht nur die Familie Wilson unterstütze mich auf so fabelhafte Weise in dieser für mich schwierigen Zeit. Auch mit einem Farmer namens Pepper verstand ich mich bestens. Von ihm wurde ich oft ganz allein zur Arbeit auf seiner Farm angefordert. Die Arbeit war erträglich, für gutes Essen und auch für Trinkgeld war immer gesorgt. Mr. Pepper war ein herzensguter Mann, der mich, den Deutschen, trotz allem was geschehen war, in sein Herz geschlossen hatte. Sowohl den Wilsons als auch Mr. Pepper habe ich unendlich viel zu verdanken. Ohne ihre Großzügigkeit und Herzenswärme wären die Jahre in englischer Kriegsgefangenschaft für mich sicherlich um einiges härter gewesen.
So schwierig die Situation damals auch war, unter den gegebenen Umständen hatte ich wenig Grund, mich ernsthaft zu beklagen. Zudem verbesserte sich das Lagerleben in den Jahren 1946/47 mehr und mehr. So bekamen wir eine Kantine und sogar Theateraufführungen fanden in regelmäßigen Abständen im Lager statt. Die Schauspieltruppe bestand ebenfalls aus Kriegsgefangenen, die aus anderen Lagern zu uns kamen. Ihre mit einfachsten Mitteln ausgestatteten, aber mit Enthusiasmus und viel Leibe dargebotenen Aufführungen sorgten für zahlreiche unbeschwerte Abende.
Zu den Verbesserungen gehörte auch, daß wir nun für unsere Arbeitsleistung bezahlt wurden. Wir bekamen einen halben Penny in der Stunde. Von diesem Geld konnten wir uns in der Kantine Körperpflegemittel, aber auch Zigaretten und andere Kleinigkeiten für das tägliche Leben kaufen. Das restliche Geld wurde auf einer Kontokarte gutgeschrieben. Von diesem mühsam ersparten Geld kaufte ich mir bei meiner Entlassung englische Zigaretten, einen ganzen Seesack voll. Dies sollte mein Startkapital in ein neues Leben sein. Ich hatte mir ausgemalt, daß sich die englischen Zigaretten auf dem deutschen Schwarzmarkt sicherlich gewinnbringend verkaufen ließen und fürs erste meinen Lebensunterhalt sichern würden.
Obgleich mein Alltag mit der Zeit immer erträglicher wurde und ich dank meiner neugewonnenen englischen Freunde sehr viel Wärme, Freundschaft und Geborgenheit erfuhr, gab es doch einen schmerzhaften Punkt, der mir viele schlaflose Nächte und sorgenvolle Stunden bereitete: Der Gedanke an meine Mutter und meine Geschwister!
Natürlich erfuhren wir im Lager über das Ende des Krieges und die Folgen. Und natürlich hörte ich auch von der Aussiedlung, ich sage Vertreibung, der Sudetendeutschen aus ihrer angestammten Heimat. Für mich war das eine doppelt schmerzhafte Nachricht: Mir wurde bewußt, daß ich meine Heimat verloren hatte und nie mehr dorthin würde zurückkehren können. Wo also sollte ich nach dem Ende meiner Kriegsgefangenschaft hin? Ich hatte keine Ahnung. Viel mehr Sorgen bereitete mir aber die Vorstellung, daß auch meine Mutter und meine Geschwister den elterlichen Hof wohl hatten verlassen müssen falls sie noch am Leben waren. Seit fast zwei Jahren hatte ich nichts mehr von ihnen gehört. Im Frühjahr 1944 hatte ich den letzten Brief aus der Heimat erhalten. Die Ungewißheit über das Schicksal meiner Familie war schrecklicher als alles, was mir zugestoßen war. Es gab keinen Tag in diesen zwei Jahren, an dem ich nicht an meine Mutter und die Geschwister dachte und dafür betete, daß sie wohlauf sind. Ich versuchte alles Menschenmögliche, mit meiner Familie Kontakt aufzunehmen. Vom Lager aus hatte ich die Möglichkeit, Karten an das Rote Kreuz und den Kriegsgefangenensuchdienst in Moskau zu schicken. Mein ältester Bruder war ja ebenfalls Soldat und ich wußte nicht, was mit ihm geschehen war.
Endlich kam die lang ersehnte Nachricht! Am 30. Januar 1946 erhielt ich den ersten Brief meiner Mutter. Sie war wohlauf, ebenso wie meine Geschwister. Aber der Brief stammte vom November 1944 und war noch in der Heimat geschrieben und dort auch aufgegeben worden. Was seither mit meiner Familie geschehen war, wußte ich noch immer nicht.
Weitere neun Monate bangen Wartens und Hoffens vergingen. Dann im November 46 kam schließlich der erlösende Brief. Er war in Mecklenburg abgeschickt worden, das in der russisch besetzten Zone lag. Dorthin also hatte es meine Familie verschlagen. Meine Mutter schrieb mir, daß sie Nachricht von meiner Einheit aus Frankreich bekommen hatte: Wahrscheinlich sei ich in Gefangenschaft geraten. Auch erfuhr ich die bittere Nachricht, daß mein Bruder Alfred im Januar 1945 als im Weichselbogen in Rußland vermißt gemeldet worden war.
Von nun an hatte ich regen Briefverkehr mit meiner Familie in Mecklenburg, sowie mit vielen Verwandten und Bekannten, die den Krieg überlebt hatten. Die Adressen teilte mir meine Mutter mit. So erhielt ich auch die Anschrift meines Onkels Jakob, den es nach Thüringen verschlagen hatte. Onkel Jakob war es auch, der mir in Absprache mit meiner Mutter schrieb, daß ich auf gar keinen Fall in die russisch besetzte Zone kommen könne. Ich solle mich zu einer Tante und einem Onkel, die mittlerweile in Bayern lebten, entlassen lassen. Auch meine Mutter bat mich in einem Brief inständig: „Komm bitte nicht zu uns!“ Ich begriff zu diesem Zeitpunkt nicht so recht, warum meine Familie nicht wollte, daß ich zu ihnen kam. Aber ich befolgte ihren drängenden Rat. Warum sie mich so eindringlich davon abhielten, zu ihnen zu kommen, erfuhr ich erst viel später bei meinem ersten Besuch bei meiner Mutter: Die entlassenen Kriegsgefangenen, die in die russische Zone kamen, wurden nochmals sortiert und viele fanden sich in Lagern wieder. Da ich bei der Waffen-SS war und dies auch auf meinem Entlassungsschein vermerkt war, waren die Bedenken meiner Mutter und meines Onkels berechtigt.
Mit dem Beginn des Jahres 1948 näherte sich meine Kriegsgefangenschaft endlich ihrem Ende. Alle Gefangenen hatten eine politische Einstufung bekommen und entsprechend dieser Einstufung wurde der Entlassungstermin festgelegt. Meine Einstufung war B. Das bedeutete, daß meine Entlassung im Januar 1948 anstand.
Mitte Februar war es schließlich soweit. Zur Einschiffung wurde ich an die Küste von Ostengland nach Ipswich/Clochester gebracht. Auf einem Truppentransporter mit 1.000 Mann an Bord ging es nach Hoek van Holland. Die Fahrt sollte sechs Stunden dauern. Wir waren volle acht Stunden unterwegs. Auf dem Kanal tobte ein Sturm mit Windgeschwindigkeit 9 10. Die Überfahrt gestaltete sich als eine wahre Tortur. Schwerer Seegang und meterhohe Wellen, die sich auf dem Deck des Transporters brachen. Die ganzen acht Stunden hing ich seekrank über der Reling und fütterte die Fische, solange ich etwas im Magen hatte. Mein Wehrmachtsmantel, den ich auf der Überfahrt anhatte, war steif geworden und weiß vom Meersalz. Endlich erreichten wir Hoek van Holland. Das Martyrium hatte ein Ende und ich war überglücklich, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.
Mein ganzes Gepäck bestand aus zwei Seesäcken. Der eine voll mit Zigaretten. Im anderen Seesack befanden sich vier Paar Socken, zwei englische Unterhemden, ein englisches Oberhemd, ein deutsches Oberhemd, ein deutscher Pullover, ein Paar lange Unterhosen, ein Paar lange englische Unterhosen, ein Paar deutscher Schuhe, ein Paar englischer Schuhe, ein Rasierapparat, eine deutsche Zahnbürste, ein Kamm, eine Haarbürste, ein Paar Hosenträger, zwei englische Handbücher, ein Paar Handschuhe, Nähzeug, ein Kochgeschirr, eine deutsche Garniturhose, Jacke und Mantel, eine englische Garniturhose und ein Militärrock. Jedes Teil akribisch aufgelistet zur Vorlage bei der Entlassung im Münsterlager. Das war mein ganzes Hab und Gut und mein Startkapital in ein neues Leben.
Von Hoek van Holland ging es mit dem Zug in die Lüneburger Heide ins Münsterlager / Transit-Camp Nr. 1 / PW. Da ich seit der Überfahrt nach Hoek van Holland unter immer schlimmer werdenden Ohrenschmerzen litt, kam ich kurz nach meiner Ankunft in die HNO-Abteilung des Lazaretts Münsterlager. Die Ärzte hatten eine akute Trommelfellentzündung im rechten Ohr diagnostiziert. Es war keine wirklich ernste Erkrankung, aber ich mußte eine Zeit im Lazarett verbringen, bis meine Entzündung ausgeheilt war.
Schließlich kam der Tag meiner offiziellen Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft: Es war der 24. Februar 1948, ein sonniger, jedoch eiskalter Tag mit Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt. Endlich war ich ein freier Mann und alles war vorbei. Ein neues Leben konnte beginnen.
Bei meiner Abreise aus dem Transit-Camp bekam ich eine kleine Reiseverpflegung sowie vierzig Reichsmark Entlassungsgeld. Mit dem RK-Krankentransportzug Nr. 1 ging es von Münsterlager nach Hammelburg an der Saale in Unterfranken. Von dort fuhr ich mit dem Zug in das von Bomben zerstörte München. Ich hatte nur kurz Aufenthalt, dann ging es weiter. Nach knapp zwei Stunden Fahrt durch eine verschneite Winterlandschaft erreichte ich schließlich die Endstation, einen kleinen verschlafenen Ort in Oberbayern. Ich war erstaunt, wie friedlich alles anmutete. Es gab keinerlei Zerstörungen, auf den ersten Blick waren nirgends Spuren des Krieges zu sehen und man konnte glauben, das Grauen des Krieges hätte hier nie stattgefunden.
Bis zu meinem endgültigen Reiseziel waren es noch einige Kilometer. Es gab dorthin keinerlei Verkehrsverbindungen. Es dauerte eine Weile, bis ich jemanden fand, der mir den genauen Weg beschreiben konnte. Meine beiden Seesäcke geschultert machte ich mich schließlich zu Fuß auf den Weg und wanderte meist querfeldein in eine winzige Ortschaft namens Grub. Dort hatten mein Onkel und meine Tante, sowie mein Cousin Roland, seine Frau Rita und ihre beiden Kinder Bernd und Iris auf einem Einödbauernhof ein neues Zuhause gefunden. Ich hatte ihnen brieflich mitgeteilt, daß ich zu ihnen kommen würde. Jedoch hatte ich ihnen nicht das genaue Datum meiner Ankunft nennen können.
Der Fußmarsch schien Stunden zu dauern und nicht enden zu wollen. Und je näher ich meinem Ziel kam, um so größer wurde meine Freude, endlich einen Teil meiner Familie wiederzusehen. Aber in die Freude mischte sich auch ein wenig Angst und Unsicherheit darüber, wie die Lebensbedingungen hier in der Fremde wohl sein würden und welche Zukunft mich erwartete.
Endlich sah ich mein Ziel, den Einödhof, vor mir liegen. Als ich näher kam, erblickte ich zwei spielende Kinder vor dem Hofeingang. Es waren die sechsjährige Ingeborg und ihr vierjähriger Bruder Bernd, die in ihr friedliches Spiel vertieft waren. Sie beachteten den fremden Mann in dem verschlissenen Wehrmachtsmantel nicht.
Von meinen Verwandten war nur meine Tante zu Hause. Offensichtlich hatte sie durch ein Fenster gesehen, wie ich in den Hof kam. Denn ich hatte noch nicht die Tür des Wohnhauses erreicht, da stürzte sie mir entgegen. Wir lagen uns wohl eine Ewigkeit in den Armen und Tränen flossen bei uns beiden. Stunden später trafen dann allmählich die restlichen Familienmitglieder ein. Und jedes Mal wieder gab es ein tränenreiches Wiedersehen voll unbändiger Freude: Wir alle waren gesund und hatten den Krieg überlebt!
Die Lebensumstände in meiner neuen Heimat waren mehr als beengt. Die beiden Familien lebten in zwei winzigen Zimmern im Obergeschoß des Wohnhauses. Und nun kam auch ich noch dazu. Es gab nicht genügend Platz für uns alle, so daß mein Onkel und ich im unbeheizten Hausgang schlafen mußten.
Zwar war der Alltag hart und entbehrungsreich, aber immerhin hatte ich einen Teil meiner Familie und damit auch eine neue Heimat gefunden. Mein Cousin Roland arbeitete bei einem Bauern in einem nahegelegen Ort. Seine Frau war auf einem anderen Bauernhof beschäftigt. Mein Onkel half auf dem Einödhof mit. Gearbeitet wurde für wenig Geld und für das tägliche Essen. Wir waren ja Flüchtlinge. Nur gut, daß ich die englischen Zigaretten hatte. Mit dem Geld aus dem Verkauf konnte ich meine Tante ein wenig unterstützen. Für mich als Kriegsgefangenenheimkehrer gab es noch keine Lebensmittelmarken. Ich mußte warten, bis meine Entnazifizierung durchgeführt war und ich einen Sühnebescheid erhielt.
Anfang März meldete ich mich bei dem zuständigen Kreisbeauftragten für Flüchtlingswesen. Am 9. März 1948 wurde mir eine Aufenthaltsgenehmigung auf bestimmte Dauer ausgestellt. Einige Wochen später, am 20. April 1948, bekam ich die Aufenthaltsgenehmigung für Bayern auf unbestimmte Dauer.
Nun war ich auch offiziell in meiner neuen Heimat angekommen.
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