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Robert Mapplethorpe Fotografie als Abbild von Schönheit und Potenz
Daß sich die Fotografie im Laufe unseres Jahrhunderts allmählich von anderen bildenden Künsten wie etwa der Malerei emanzipieret hat, ist wohl bekannt. Neu jedoch dürfte sein, daß die Werke berühmter Fotografen in den letzten Jahren den internationalen Kunstmarkt erobert haben, und auch das Interesse des Publikums an Fotokunst boomt weiterhin. Fotoausstellungen sind zum Publikumsmagneten geworden. Allein das Münchner Stadtmuseum mit seiner Schau „Das Aktfoto - Geschichte, Ästhetik, Ideologie“ verzeichnete einen Publikumszulauf von 150.000 Menschen. Namen wie Helmut Newton, Anne Leibowitz oder Herlinde Kölbl sind mittlerweile so geläufig wie es die Namen van Gogh oder Picasso sind. Und auch was die Preise betrifft, steht die Fotografie der Malerei in fast nichts mehr nach: Für ein Werk des Fotopioniers Maholy Nagy zahlt man gut und gerne 90.000 Mark und auch ein Helmut Newton ist seine 18.000 Mark wert.
Zu einem der Trendsetter, vor allem in der Aktfotografie, wurde Mitte der siebziger Jahre der New Yorker Fotograf Robert Mapplethorpe. Wenn das zentrale Thema der Aktfotografie der 80er Jahre der männliche Akt war, so gehörte Mapplethorpe zu denen, die dieses Thema vorgegeben haben. Mit seinem im Höchstmaß stilisierten Aktfotografien schwarzer Männer und den Bildern aus der New Yorker homosexuellen, sado-masochistischen Szene brach Mapplethorpe eines der letzten Tabus in der Darstellung menschlicher Sexualität. Seine rücksichtslose Eroberung einer sexuellen Bildwelt war nicht nur ausschlaggebend für seinen mittlerweile weltweiten Erfolg, sondern zugleich auch richtungsweisend für die zeitgenössische Aktfotografie.
Der 1946 in New York geborene Mapplethorpe absolvierte ein Studium der Malerei am Pratt Institute, New York. Anfänglich mehr an der Bildhauerei interessiert, begann er sich erst ab 1970 intensiv, jedoch als Autodidakt mit der Fotografie auseinanderzusetzen. Seine ersten Arbeiten waren Porträtstudien, die er mit einer Sofortbildkamera anfertigte. Neben Blumenbildern und Männerakten gehörten dann auch die Porträts namhafter New Yorker Künstler zu den drei zentralen Sujets seines Werkes. Mapplethorpes Herkunft von der Bildhauerei hinterläßt ihre Spuren in seiner Arbeit als Fotograf. Seine Modelle wählte er unter klassisch-ästhetischen Aspekten. Mapplethorpe liebte den perfekt proportionierten Körper, glatt und fehlerlos. So lassen seine Akte oftmals eher an eine griechische Statue denken denn an einen lebenden Körper.
Alle Arbeiten Mapplethorpes zeichnen sich durch hochgradige Stilisierung und formale Kraft aus. Mapplethorpe inszenierte seine Bilder, seine Arbeit steht in der Tradition der Studiofotografie. Er hat ausschließlich im Studio gearbeitet: Das bewußte Spiel mit dem Licht war für ihn von zentraler Bedeutung. Nur unter den kontrollierbaren Bedingungen eines Fotostudios war es Mapplethorpe möglich, eine Bildästhetik von solch einer hochgradigen Stilisierung und formalen Prägnanz zu entwickeln.
Drei Jahre nach seinem Tod gehören die Werke Mapplethorpes, die seit 1976 in unzähligen Einzelausstellungen gezeigt wurden, zu den am teuersten gehandelten Fotografien auf dem internationalen Kunstmarkt. Dafür, daß jedermann sich die Bilder Mapplethorpes in Ruhe und zu Hause betrachten kann, bemüht sich mit Erfolg und dies bereits seit Beginn der 80er Jahre der Münchner Verlag Schirmer/Mosel, der mittlerweile mehr als sechs Fotobände von Robert Mapplethorpe publiziert hat.
So erschien 1989 „Some Women“, versehen mit einem einleitenden Essay von Joan Didion, das eines der letzten Bücher ist, die Mapplethorpe vor seinem Tod noch selbst konzipiert hatte. „Some Women“ sind hundertfünfzehn Bilder von Frauen, Frauen verschiedenen Alters vom Kind bis zur Greisin. Mehr als die Hälfte der Bilder sind Aufnahmen von Frauen aus der New Yorker Künstlerszene: Popstars wie Yoko Ono und Patty Smith, Schauspielerinnen wie Sigourny Weaver und Isabella Rosselini. Auffallend an dieser Hommage an die Frauen ist, daß seine Frauenbilder dieselbe idealisierende Distanz ausstrahlen, die man beim Betrachten der männlichen Akte erfährt. Sogar die kleinen Mädchen erscheinen wie Erwachsene, die in ihrer idealisierten Distanz dem Betrachter wie aus einer fernen Vergangenheit entgegentreten. Und ebenso wie in der Darstellung männlicher Akte, schwingt in jeder der Fotografien eine latente, manchmal erst auf den zweiten Blick augenscheinlich werdende Erotik mit.
Ein Jahr nach Erscheinen von „Some Women“ kam der wunderschön aufgemachte, farbige Bildband „Flowers“ heraus, der auf eindrucksvolle Weise sowohl Mapplethorpes Besessenheit von dem Sujet der Blume wie auch seinen eigenwilligen Umgang damit dokumentiert. Den Bildern vorangestellt ist ein Gedicht von Mapplethorpes Lebensgefährtin, der Sängerin Patty Smith. Dann folgen neunundvierzig Fotografien von Blumen, überwiegend Lilien und Orchideen. Jede Blume, reduziert und ohne großes Beiwerk, wird zur reinen organischen Form, zum Archetyp des Lebendigen; in ihrer farbigen und fleischlichen Präsenz offenbart sich die Sinnlichkeit und der Eros alles Lebenden. Jene Steigerung der organischen Form zu ihrer sinnlichen Präsenz gelingt Mapplethorpe durch einen so einfachen wie auch genialen Trick: Die organische Form der Pflanze kontrastiert er entweder mit einem monochromen farblichen Hintergrund oder mit einem Hintergrund, der streng reduziert und von einer einfachen geometrischen Form etwa der Diagonalen bestimmt ist.
Dieses Jahr nun präsentiert Schirmer/Mosel mit dem lapidaren Titel „Mapplethorpe“ eine Monographie, die dem Gesamtwerk des Fotografen gewidmet ist. Chronologisch aufgebaut, umfaßt der Bildband eine repräsentative Auswahl von 260 Fotografien. Mit den frühen Polaroidaufnahmen aus den Jahren 1972-1975 bis zu den späten Arbeiten Ende der 80er Jahre, gewährt die Monographie sowohl einen Einblick in die künstlerische Entwicklung und persönlichen Obsessionen Mapplethorpes als auch einen genauen Überblick über das gesamte Schaffen des Künstlers. Beeindruckend vor allem Mapplethorpes Fotografien von Akten schwarzer Amerikaner, die ja einen wesentlichen Raum in seinem Schaffen einnehmen. Dem Reiz, welcher von der stilistischen Ästhetisierung und Fetischisierung der männlichen Körper, von deren phallischer Potenz Mapplethorpe zutiefst fasziniert war, ausgeht, kann sich der Betrachter nur schwer entziehen. Neben dem umfangreichen Bildmaterial enthält die Monographie noch einen großartigen Essay des Philosophen und Kunstkritikers Arthur C. Danto, eine ausführliche Chronologie, sowie eine Liste der Ausstellungen und eine Bibliographie zu der über Mapplethorpe erschienenen Sekundärliteratur.
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