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Der Körper das Maß aller Dinge Wenn Schönheit Pflicht wird
Warum muß Kanzler Kohl nicht schön sein? Eine Frage, die nur auf den ersten Blick etwas abwegig zu sein scheint. Denn der mehr als nur pummelige Machtmensch Kohl, mit einem Körpervolumen, das Präsident Clinton zu der Äußerung veranlaßte, „Sie sehen ja aus wie ein Sumo-Ringer“ entspricht keineswegs mehr dem Körperideal, das gerade heute von Personen in höhergestellten und allerhöchsten Positionen gefordert wird.
Was für eine Karriere im Showbiz ein absolutes Muß ist, Fitneß, Styling, Sexappeal, gilt mittlerweile auch für Berufe, in denen bisher ausschließlich Intelligenz und Sachverstand gefordert waren. „Ein richtig Dicker“, so Ernst Heiligenthal, Personalberater bei der Kienbaum-Unternehmensberatung, „hat im Top-Management kaum eine Chance.“ Je höher es in der Hierarchie gehe, desto mehr trete die reine Sachkompetenz zurück, desto bedeutsamer werde das Äußerliche: „Ausstrahlung, Charisma, der Graue-Schläfen-Effekt.“
Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ursula Engelen-Kefer jedenfalls hat am eigenen Leib erfahren, was ein attraktives Äußeres bewirkt: „Mehr Selbstbewußtsein, mehr Resonanz.“ Ein roter Mund und etwas Rouge ersparen Jahre harter Arbeit auf den Weg nach oben. „Alle Korrekturen, die garantiert ungefährlich sind, würde ich an mir vornehmen lassen.“, so Engelen-Kefer.
Die stellvertretende DGB-Vorsitzende ist dabei mit ihrer Sehnsucht nach körperlicher Vollkommenheit nicht allein. Millionen Bundesbürger empfinden ähnlich. Der Kult um den eigenen Körper scheint unverzichtbar, wenn es darum geht, Anerkennung, persönliches Wohlbefinden und Erfolg in unserer Leistungsgesellschaft zu erzielen. (Ganz nebenbei drängt sich an dieser Stelle die Frage auf, wann Außenminister Kinkel, Chef der zur Partei der Leistungs- und Erfolgswilligen mutierten FDP, sich endlich liften läßt?)
Mehr als hunderttausend Männer und Frauen legen sich jedes Jahr auf die OP-Tische plastischer Chirurgen. Selbst der gestreßte Manager, dem jahrelanges Buckeln und Treten ins Gesicht gefurcht sind, riskiert Geld und Gesundheit für ein Doppelkinn weniger. Wenn es um die eigene Schönheit geht, nimmt man es auch mit den gesundheitlichen Risiken nicht so genau: Obgleich Ärzte das Braunwerden als das Schlimmste ansehen, das man seiner Haut antun kann, giert fast jeder nach makelloser Bräune. Signalisiert doch eine gebräunte Haut den Status von Fitneß, Dynamik und Gesundheit. Die Beauty-Industrie boomt, der gestylte Körper wird zum Prestigeobjekt gleich dem Auto oder dem Häuschen im Grünen: 180 Millionen Mark geben die Deutschen pro Jahr für Schönheitsoperationen aus, 14 Milliarden setzen Produzenten von Kosmetika wie Cremes, Puder und Sprays um (450 DM monatlich in die Schönheit von Gesicht und Körper investiert, ist bei Frauen keine Seltenheit). Im Fitneßstudio wird Kilopond um Kilopond der Gluttaeus Maximus gestrafft; anschließend geht es der Orangenhaut an den Kragen mit Hilfe „Iachsfarbener Mikropartikel“ bei sanfter Massage. Der Gesäßformer „Uplifter“ befördert birnenförmige Hängehintern zu knackigen Apfelpos, und das „Sono-Bio Beauty Lifting“ setzt seinen „Bio-Molekül-Cocktail“ brutal auf alternde Hautzellen an. Am Kult um den Körper verdienen sich nicht nur Fitneß-Studios und Schönheitsfarmen sondern auch Modeindustrie und Medien, Sportartikel-Hersteller und Werbebranche eine goldene Nase.
Längst verschwunden ist die Vorstellung von der natürlichen körperlichen Wohlgestalt. Gefragt ist heute die Vollkommenheit des makellos durchgestylten Körpers als Zeichen von Jugend und Erotik, Erfolg und Wohlstand. Der Brustumfang in Zentimeter, Körpergewicht in Kilogramm, die Tiefe der Bräune im Vergleich zum Käsegesicht sind die neuen gesellschaftlichen Normen, nach denen der Wert eines Körpers bestimmt wird.
Und der Kult um die „perfekte Schönheit“ wirkt überall: Wohlgestaltete Menschen gelten als höflicher, intelligenter und warmherziger. Selbst Justitia, trotz Augenbinde, bestraft den schönen Angeklagten milder. Und auf dem Arbeitsmarkt hat ein attraktiver Bewerber allemal die besseren Chancen. Bereits der alte Philosoph Kant aus Königsberg hatte den vagen Verdacht, daß sich „unter einer schönen Schale auch ein guter Kern verbirgt.“ Mittlerweile ist aus dem Verdacht eine gesellschaftliche Norm geworden: Nur ein schöner Mensch ist auch ein guter Mensch. Der schöne Schein, lautet das Grundgesetz der Schönheitsdiktatur, ist wenigstens so wichtig wie die schöne Seele.
Die Vorstellung, daß das Heil des Menschen allein in der Vollkommenheit der Seele zu suchen sei, gilt als anachronistisch und ist nur mehr religiös motivierten Randgruppen vorbehalten. Der Körper, schreibt der französische Philosoph Jean Baudrillard, „...wird zum Gegenstand des Heils. Man verwaltet seinen Körper, man nutzt ihn wie ein Erbgut, man manipuliert ihn wie eines der Statussymbole der Gesellschaft.“ Der eigene Körper ist ein unentdecktes Land, das erforscht und ausgebeutet werden muß; für viele auch der letzte Ort, an dem das moderne Subjekt seine Macht noch einmal erleben und auch ausleben kann: jeder ist sein eigener Michelangelo. Der Körper als Objekt, an dem man „arbeiten“ kann.
Symptomatisch hierfür die Aussagen des österreichischen Muskelprotzes und Hollywood-Stars Arnold Schwarzenegger. Für die „Steirische Eiche“ Schwarzenegger ist das Ziel des Bodybuildings der „Sieg des Geistes über die Sinne, der Sieg der Vernunft über den Körper und über die Phantasie.“ Der eigene Körper letztendlich als Feind und Gegner, der bezwungen werden muß, als Objekt, das beherrscht und beeinflußt werden kann? Der Verdacht einer ganz neuen Art der Leibfeindlichkeit drängt sich auf: Der makellos gestylte Körper als sexualisierter Konsumartikel verliert seine erotische Brisanz!
Rede nicht hantele!, heißt es für den, der in seinem Job nicht als undiszipliniert dastehen will.
Wenn die reale Machtlosigkeit des Einzelnen in einer immer komplexeren und unübersichtlicheren Welt mehr und mehr überhandnimmt, bleibt wenigstens der eigene Körper in der Macht des Einzelnen: Man kann ihn beeinflussen, ihn stylen oder verändern und an gängige Schönheitsideale anpassen. Ein Körper, der gezeichnet ist von den Spuren eines individuell gelebten Lebens, ist heutzutage nicht gefragt. Werbeforscher haben ermittelt, daß Durchschnittsschönlinge, deren Mischgesichter irgendwo zwischen Richard Gere, Micky Rourke und Don Johnson rangieren, beim Betrachter die größte Zustimmung auslösen. Der Trend geht, so der Marketingjargon, zur „Zentraltendenz.“
Jedoch der Körperkult findet seine Ursache nicht allein darin, daß der Körper zum Aushängeschild persönlicher Leistungsfähigkeit und zum Prestigeobjekt degradiert wird. Die narzißtische Fixierung auf den eigenen Körper hat noch eine weitere soziale Bedeutung: Menschen in den modernen Industriegesellschaften definieren sich immer weniger über ihre Zugehörigkeit zu einer Religion oder einem sozialen Milieu. Sie sind, so der Kölner Sportsoziologe Volker Rittner „zunehmend genötigt, Identität in eigener Regie zu entwerfen.“ Der makellos gestylte oder der geschmückte Körper Tätowierungen und Piercing liegen bei der Jugend- und Subkultur voll im Trend wird für den Einzelnen zum einzigen Mittel mit dem er seine Identität innerhalb unserer modernen und komplexen Gesellschaft fixiert: Körper machen Leute.
Und unser Kanzler Kohl? Weder Fitneß, Styling noch Sexappeal zeichnen ihn aus, und trotzdem ist er einer der mächtigsten Männer im Staat. Vielleicht verkörpert der männliche Politiker gemeinhin jene längst überholte Vorstellung vom bürgerlichen Mann, der auf körperliche Vorzüge keinen Wert legt. Der Körper wird in langweiligen Anzügen versteckt. Nur der Kopf ist noch zu sehen, denn dieser ist ja das wichtigste Organ: Sitz der Vernunft und des Denkens?
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