 |
 |
 |
 top
 |
 |
Es lebe die Lüge Von der Unmöglichkeit mit der Wahrheit das Leben zu meistern
Wer heutzutage zu behaupten wagt, niemals zu lügen, immer aufrichtig zu sein vor sich selbst und anderen, hat bereits entweder sich selbst oder sein Gegenüber belogen.
Radikale Aufrichtigkeit zu propagieren, wie es Kirche und Staat seit Jahrhunderten tun, um eigene Machtansprüche zu festigen und weltliche Ordnungssysteme aufrechtzuerhalten, ein Lebensprogramm zu vertreten, das Lüge und Ausrede nicht in Anspruch nimmt, ist in unserer Welt unmöglich. Wir brauchen die Lüge so notwendig wie Name und Adresse, Telefon und Tageszeitung, Zahnbürste und Gefrierschrank.
Jeder Mensch lügt durchschnittlich 200 Mal pro Tag, ist das Ergebnis einer Studie zum Thema Lügen, die die Universität London in den 80er Jahren erstellt hat. „Bei den meisten Menschen kommen die Lügen unbewußt über die Lippen. Schon wenn man die Frage &Mac226;Wie geht es dir? mit Ja beantwortet, kann das eine Lüge sein“, so die Londoner Untersuchung.
Egal ob große Lüge oder unbewußte Lüge, kleine Schwindelei oder Notlüge. Die Lüge hat Konjunktur. Schlagworte wie „Orgasmuslüge“, „Rentenlüge“, oder „Kanzlerlüge“ sind in aller Munde. In Sex und Politik gehört das Lügen zum Tagesgeschäft. Moralisch geahndet wird so schnell niemand. Da muß einer schon erst „bei seiner Ehre“ schwören, die Wahrheit gesagt zu haben und dann als Lügner geoutet werden, wie einst Ministerpräsident Barschel, bevor ein Sturm öffentlicher Empörung losbricht.
Natürlich wird auch in deutschen Gerichtsälen gelogen, daß sich die Balken biegen. Nach Aussagen des Bundesjustizministeriums wurden im Jahr 1991 2.570 Personen wegen uneidlicher Falschaussage und 427 wegen Meineids verurteilt. Und der Bochumer Kriminologe Professor Hans-Dieter Schwind vermutet, daß „bis zu 40 % der Zeugen vor Gericht die Unwahrheit sagen.“ Hochgerechnet aufs Jahr kommt man auf 2.5 Millionen Lügen in deutschen Gerichtssälen.
Daß Lügen kurze Beine haben, das Sprichwort gilt schon lange nicht mehr. Die schönsten langbeinigen Lügen stolzieren als mit Silikon aufgepeppte Supermodels über die Laufstege der internationalen Modewelt. Und die wieselflinken, mit Anabolika getunten Körper der hoch gedopten Spitzenathleten kämpfen in den Sportarenen um tausendstel Sekunden, Ruhm und vor allem um Geld.
Warum wir Lügen so notwendig brauchen? Reiner Selbstschutz. Wir leben in einer Gesellschaft größtmöglicher Freiheit. Die Möglichkeiten der Gestaltung unseres persönlichen Lebens sind nach wie vor nahezu unbegrenzt. Es gibt so gut wie keine allgemeingültigen kulturellen und gesellschaftlichen Dogmen, die uns eine Antwort auf die Frage nach der Sinnhaftigkeit unserer Existenz vorschreiben. Seit der Aufklärung sind wir mündige Bürger mit dem Recht, über uns selbst zu bestimmen. Und wer ist nicht fest davon überzeugt, die Freiheit zu besitzen, seine Persönlichkeit, ja sogar sein Ich verändern zu können.
Strukturen, Rituale und moralische Grenzen sind beinahe gänzlich aus unserer Gesellschaft verschwunden. Jeder hat die Wahl, aber auch die Qual, derjenige zu sein, der er sein will. Was bleibt, ist ein kleiner Rest an Tabus, deren Bruch von der Gesellschaft auf die eine oder andere Weise sanktioniert wird. Problematisch erweist sich immer die Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Randgruppe. Welcher Politiker oder welche Person des öffentlichen Lebens gibt beispielsweise gerne zu, homosexuell zu sein. Wenn sich soziale Rolle und persönliche Identitäten nicht vertragen, muß gelogen werden - in diesem Fall zu Ungunsten der persönlichen Identität.
Unserer Welt des schönen Scheins, der reinen Oberfläche und des Designs entspricht das Design der Persönlichkeit; Durchgestylt vom Fashion-Label auf dem T-Shirt bis hin zum durch Schönheitsoperationen künstlich gestylten Körper bewegen wir uns traumwandlerisch im Angebot der Identitäten und sozialen Rollen. Tagsüber die coole Business Lady, abends der männermordende Vamp in der Disco, in zwei Jahren meditierende Sinnsucherin in einem Ashram am Fuß des Himalaja. Schon gibt es das Schlagwort des „Fraktalen Menschen“, niemand ist mehr der und der sein Leben lang, sondern heute der und morgen ein anderer. „Nomadische Existenzen“, so der Kommunikationsphilosoph Vilem Flusser, sind wir, die sich durch die virtuellen Welten multimedialer Simulation und durch die Angebote verschiedenster Individualitäten und sozialer Rollen zappen.
Aber die Freiheit in der Wahl der eigenen sozialen Identität lastet uns immer auch die Verantwortung für unser Tun auf. Wir sind es, die sich entscheiden müssen, für wie lange und für wie viele und welche Zuschauer (das Gewissen, den gesunden Menschenverstand, die Normalität, die öffentliche Meinung usw.) wir eine bestimmte Rolle spielen wollen. Aber wie sich der Einzelne mehr und mehr machtlos fühlt und im Hinblick auf seine Entscheidungen von Selbstzweifeln geplagt wird, wird ihm zugleich versichert, daß der moderne Mensch alles ermöglichen kann. Frei und verantwortlich für die Gestaltung unserer eigenen Existenz und über die multimedialen Informationsnetze vollgepumpt mit „Weltgeschehen“ in seiner für den einzelnen nicht mehr verstehbaren Komplexität und seinem ganzen Aberwitz, sind wir auch hier aufgerufen, Stellung zu beziehen, Verantwortung zu übernehmen.
Gefangen in einer permanenten und uns überfordernden Krise von Freiheit und Verantwortlichkeit, ist es nicht überraschend, daß Lüge und Ausrede die einfachste Lösung ist, uns aus dem Dilemma zu befreien. Durch Ausreden kann sich der Mensch auf Alibis verlassen wie „Ich wollte das nicht“, „Es war ein Unfall“, „Ich konnte nichts dagegen unternehmen“, „Ich habe nicht gewußt“. Ausreden besitzen wenigstens vorübergehend die magische Kraft, den Unterschied zwischen Dingen, für die wir verantwortlich sein möchten, und Dingen für die wir nicht verantwortlich sein wollen, zu verringern.
Die Lüge ist reiner Selbstschutz, bewahrt uns davor, zerrieben zu werden zwischen einem Dilemma, das zu lösen wir nicht fähig sind. Auch wenn wir schuldig sind, gewähren uns Lüge und Ausrede eine „Amnestie“. Lügen helfen uns mit den manchmal angsterweckenden Auswirkungen von Verantwortung für das eigene Leben und die Umwelt zurechtzukommen. Lügen sind in der Motivation des Menschen verwurzelt, seine Selbstachtung zu erhalten. Sie verstecken vor anderen und vor uns selbst die schmerzlichen und negativen Seiten unseres persönlichen und sozialen Selbst. Ohne die Deckung, die uns Ausreden immer bieten, wären wir bloßgestellt und verletzlich. Würden wir auf Lüge und Ausrede gänzlich verzichten, müßten wir einen Großteil unserer Energie darauf verwenden, jedwedes Risiko und jede Situation zu vermeiden, bei denen wir Fehler machen oder gar versagen könnten.
In einer auf Funktionalität und Leistung ausgerichteten Gesellschaft, in der persönliche Schwäche und Versagen tabuisiert sind und der Wert einer Persönlichkeit, falls dieses Tabu gebrochen wird, gegen Null sinkt, bleibt dem Einzelnen gar keine Wahl, als die Lüge und Ausrede zum Überlebenskonzept zu erklären. Wer Ausreden und Lügen gebraucht, sei dies nun ein Einzelner oder eine Institution, erkennt damit an, daß auch in Zukunft Regeln verletzt, Standards und Normen nicht beachtet werden. So wie es die Ausrede dem „irrenden“ Einzelnen erlaubt, ohne drastische Änderungen fortzufahren, ermöglicht sie der Gesellschaft die Flexibilität, Ausnahmen anzuerkennen.
Nicht zu übersehen jene aufklärerische Qualität der Lüge in ihrer ästhetischen Form der Hyperbel, der Übertreibung, oder als simples Lügenmärchen wie Gottfried August Bürgers Geschichten des Lügenbarons Münchhausen. Lügen macht Spaß, auch in Form der bewußt lanciertem Falschmeldung, der „Zeitungsente“, die so alt ist wie das Medium selbst. Sie verschafft Schreiber und Leser ein klammheimliches Vergnügen, und sie kann unter Umständen auf sehr vertrackte und hinterfotzige Weise ein Stück Wahrheit erzählen.
Auswahl 
 |
5 6  7
 |