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Kultur… INFO 11/93

Der Tod – Eine Selbstverständlichkeit
Vom Verlust des natürlichen Umgangs mit dem Sterben

Der Tod begegnet jedem von uns, Tag für Tag: Aber diese Begegnung ist immer eine, meist durch Fernsehbilder vermittelt, nur mittelbare, und die Art des Todes immer eine gewaltsame. Krimileichen und Bilder der Opfer aus den weltweit verstreuten, sogenannten „Krisengebieten“ sind ein gewohnter Bestandteil unseres Alltags, der Umgang mit ihnen ist für uns mehr oder weniger unproblematisch. Geht es jedoch um unseren eigenen Tod, unspektakulär hervorgerufen durch Alter, Krebs und mehr und mehr durch Zivilisationskrankheiten befällt unsere Gesellschaft ein seltsames Schweigen.
In unserer Kultur, die Jugendlichkeit, Kraft, Potenz und Vitalität geradezu hysterisch propagiert, wird die Tatsache der eigenen Vergänglichkeit auf eigentümliche Weise tabuisiert und als bürokratisch organisierter Tod abgeschoben auf das exterritoriale Gebiet der High-Tech-Medizin in den Großkliniken. Ein Aufschrei der Entrüstung geht denn auch durch die Öffentlichkeit, wenn die italienische Modefirma Benetton dieses Tabu auf zynische Weise bricht, indem sie eine Werbeanzeige schaltet, die das Bild, am Bildrand mit dem Logo der Firma versehen, eines sterbenden Aidskranken zeigt.
Zwar hegen neun von zehn Bundesbürgern die Vorstellung, die letzte Phase ihres Lebens zu Hause im Kreis der Familie verbringen zu können, so das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, jedoch die Chancen dafür stehen schlecht, nämlich eins zu zehn. Für fast 90 % der in den Städten lebenden Deutschen schlägt ihre letzte Stunde fern von zu Hause hinter den Mauern von Krankenhäusern. Noch 1910 starb dort nur jeder zehnte.
Zu Hunderttausenden belegen unheilbar Kranke und Sterbende die Betten der Kliniken. Die Schreckensbilder des von der High-Tech-Medizin okkupierten Sterbenden, der an Schläuche und fremdartige Geräte angeschlossene Leib des Sterbenden einsam in der sterilen Kälte des Klinikzimmers, besetzen unser Bewußtsein mit Grauen. Das Denken an unseren eigenen Tod macht uns sprachlos, ein Denken in Bildern des Grauens, die man versucht, so gut es geht zu verdrängen. Der Zustand der Trauer, für viele Hinterbliebene eine kaum zu bewältigende existentielle Krise.
Dabei ist unser problematisches Verhältnis zum Tod und unsere weitgehende Unfähigkeit, uns mit dem Faktum unserer Sterblichkeit auseinanderzusetzen, nicht viel älter als gerade zweihundert Jahre. Wirft man einen Blick zurück auf die Geschichte des Todes in unserer abendländischen Kultur, so sieht man, daß sich der Umgang mit dem Tod im Laufe der Jahrhunderte radikal gewandelt hat. In allen traditionellen Gesellschaften war der Tod kein bloßer individueller Akt. Das Leben des einzelnen Menschen wurde nicht als individuelles Schicksal verstanden, sondern als Glied einer fundamentalen, ununterbrochenen biologischen Kontinuität einer Familie oder Sippe seit Anbeginn. In Folge dessen war das Sterben des Einzelnen eine Angelegenheit der Gemeinschaft. Der Akt des Sterbens wurde, wie alle anderen entscheidenden Einschnitte in die menschliche Existenz, durch in der Gemeinschaft genau festgelegte Rituale kontrolliert. Den „gezähmten Tod“ bezeichnet der französische Soziologe und Historiker Philippe Ariès jenen Tod, der nicht seiner Maßlosigkeit überlassen, sondern in Zeremonien eingefangen und zum öffentlichen Spektakel erhoben wird.
Tod und Sexualität waren die schwächsten Stellen in der allmählich sich entwickelnden menschlichen Zivilisation. Stellen, an denen sich die brachiale Wildheit der Natur nahtlos in die Kultur hinein verlagerte. Sorgfältige Kontrolle durch die Gemeinschaft war nötig, um die Zivilisation nicht zu gefährden. Die Ritualisierung des Sterbens war immer Zeichen der Solidarität des Individuums mit der Sippe oder Gemeinschaft. Zudem war der Tod kein neutrales Phänomen, sondern ein mal-heur, ein Unglück zur Unzeit.
Das Ende der eigenen Existenz wurde in den traditionellen Gesellschaften nie mit dem physischen Ende gleichgesetzt. Der Tod wurde als Wartezustand begriffen, als Schlaf, der auch gestört werden konnte. Noch heute bezeichnen wir in euphemistischer Verharmlosung den Tod als Schlaf. Unvermeidlich war die Wiederkehr der Toten in das Reich der Lebenden. Und der Verstorbene erhielt daher auch von der Gesellschaft die Erlaubnis, zu bestimmten und begrenzten Zeiten zurückkehren zu dürfen. Der Karneval hat seinen kulturgeschichtlichen Ursprung in dieser Vorstellung, ebenso wie etwa die Figur der Zombies in den modernen Gruselfilmen.
Das Modell des „gezähmten Todes“ änderte sich erst im 11. Jahrhundert. Mit der einsetzenden Individualisierung des Menschen im Hochmittelalter wird der Tod mehr und mehr zum individuellen Akt. Der eigene Tod rückt in den Vordergrund. Die Vorstellung des genießenden und leidenden Körpers einerseits und der unsterblichen Seele, die der Tod befreit, andererseits besetzt alle Mentalitäten des Menschen. Das nach Autonomie strebende Individuum weigert sich zusehends, seine Eigenständigkeit und Identität auch nach dem Tod aufzugeben. In dieser Zeit entsteht der Brauch, das bisher unverhüllte Gesicht des Toten zu verdecken (ein Brauch, der sich in allen byzantinischen Kulturen bis heute nicht durchgesetzt hat). Durch das Verhüllen des Toten sollte sowohl die Vertrautheit mit dem Tod aufrechterhalten wie auch die Angst vor dem chaotischen Moment der Natur abgewehrt werden.
Erst im Laufe des 18. Jahrhunderts beginnt die bisher vorherrschende Vorstellung des Todes sich allmählich fundamental zu wandeln. Das Modell des „gezähmten Todes“ beginnt allmählich zu verblassen. Gegenläufig zur einsetzenden Rationalität, zur Aufklärung und zum technischen Fortschritt als Triumph über die Natur, fällt der Tod zurück in seine Wildheit und Chaotik. Das in Schach Halten der Natur versagt an zwei Stellen: Tod und Eros. Leid und Lust, die Agonie des Todes und der Orgasmus können zu einer einzigen Empfindung verschmelzen.
Und ein Jahrhundert später, in der Romantik, erhält das Modell des Todes eine ganz neue Dimension. Die einsetzende Industrialisierung in den nordeuropäischen Ländern führt zu einer völlig neuen soziologischen Entwicklung. Innerhalb der Gesellschaft gewinnt das Privatleben, die überschaubare „Kernfamilie“, zunehmend an Priorität. Der eigene Tod verliert dabei innerhalb der Gesellschaft an Bedeutung. Ins Zentrum rückt nun der Tod des anderen, des geliebten Menschen, dessen Getrenntsein man nicht mehr erträgt. Die Folge ist eine Revolution der Gefühle, ausgelöst durch den Schmerz der Hinterbliebenen. Der Tod wird zum Einbruch des Schreckens der wilden Natur in die Zivilisation. Die Reaktion darauf ist die Verklärung des Todes. Der Tod ist nicht mehr vertraut und gezähmt wie vormals in den traditionellen Gesellschaften, aber auch nicht mehr absolut wild sondern pathetisch und schön.
Zugleich vollzieht sich im 19. Jahrhundert ein entscheidender Bruch im psychischen Kontinuum des Menschen: Das Böse, bis dahin selbstverständliches Bestandteil der menschlichen Natur, räumt im Zuge der sich ausbreitenden Aufklärung die Jahrhunderte alten Bastionen von Gewissen und Herz. Verloren geht allmählich der Glaube an die Hölle. Das Jenseits wird zu einem Ort der Wiedervereinigung der im Leben Getrennten.
Die Affektiertheit gegenüber dem Tod, die sich im 19. Jahrhundert herausgebildet hatte, setzt sich in unserem Jahrhundert fort. So wird der Sterbende vor seiner eigenen emotionalen Anteilnahme in Schutz genommen, indem man ihm die Schwere seines Zustandes verheimlicht. Die Intimität des letzten Austausches zwischen Sterbendem und Angehörigen wird allmählich vergiftet durch den Ekel vor der Krankheit des Sterbenden und der Häßlichkeit des Sterbens. Die Medizin übernimmt nun jenen Platz, den einmal die Gemeinschaft innehatte: Den Kampf gegen den Tod. Das Krankenhaus wird zum Ort des normalen Sterbens, der Tod im Krankenhaus ist der neue Style of Dying.
Das Sterben ist nicht mehr natürlich, sondern ein Fehlschlag der Medizin. Was man dem Patienten bieten kann, ist ein schöner Tod, der dann so aussieht, daß der Sterbende mit Medikamenten vollgepumpt oder im Koma liegend, sein eigenes Sterben gar nicht bemerkt. Einen unmerklichen Tod also, einen „mors repentita et improvisa“, der früher zutiefst verabscheut wurde. Der heutige Tod gehört nicht mehr den Sterbenden und nicht mehr der Familie. Das Sterben wird reguliert und bürokratisch organisiert. Die soziale Gemeinschaft fühlt sich am Tod ihrer Mitglieder nicht mehr beteiligt. Eine Auseinandersetzung mit der wilden Natur ist nicht mehr nötig, da der Tod durch Technik und Medizin humanisiert wurde. Dennoch empfanden Ärzte, Schwestern und Pfleger, so eine Befragung aus dem Jahr 1988, die Bedingungen unter denen Kranke in deutschen Kliniken sterben müssen als „menschenunwürdig und belastend.“
Wir schämen uns vor dem Tod, der Tod ist kein mal-heur, kein böses Unglück mehr, sondern ein technisches Versagen, ein schmutziger Störfall, existentieller Super-Gau in unserer ewig jung bleibenden Gesellschaft. Das Sterben ist der Skandal einer Ohnmacht, den man nicht benennen darf, den man totschweigen muß.
Ebenso wie die Gesellschaft über das Sterben ein Tabu verhängt, tabuisiert sie auch die Trauer. Im gesamten Abendland ist es zur Regel geworden, Trauer nie öffentlich zu zeigen. Hartnäckig weigert sich die Gesellschaft an der emotionalen Betroffenheit der Hinterbliebenen teilzuhaben. Wer trauert, braucht Zeit, für den Trauernden verlangsamt sich das Leben, die Auseinandersetzung mit dem Schmerz fordert all seine Kraft. In einer Gesellschaft, die auf Schnelligkeit, Leistungsfähigkeit und effektiven Arbeitseinsatz ausgerichtet ist, hat Trauer keinen Platz. Der Hinterbliebene wird zermalmt zwischen der Schwere seines Schmerzes und dem gesellschaftlichen Tabu, das ein offenes Zeigen dieses Schmerzes, der in unserer Gesellschaft nichts anderes ist denn eine eklige Krankheit, verbietet.
Wie aber wollen wir Heutigen unser Leben begreifen, wenn wir vor einem wesentlichen Teil dessen, was Leben bedeutet, unsere Augen verschließen?



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© Oile, 2004